(Anti) Functional Training

1.08.2014 | Training

Seit jeher gibt es in allen Bereichen des Lebens verschiedene Strömungen und Trends. Sei es in der Mode, der Technologie, oder bei der Freizeitgestaltung. In der Fitnessindustrie ist es nicht anders: Neue Trainingsmethoden und –geräte werden entwickelt und in den Markt gedrückt. Viele vermeidliche Trendsetter springen auf den fahrenden Zug auf, um sich ihr Stück vom Kuchen zu sichern – so lange, bis der nächste Trend kommt und man sich neu ausrichten kann oder muss. Denn eines haben die meisten Trends gemeinsam: Sie setzen sich langfristig nicht durch. Es sind vorübergehende Erscheinungen, die oft so schnell wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Jedes Jahr kann man auf der FIBO erneut bestaunen, was die meisten im nächsten Jahr schon wieder vergessen haben werden: Kettlebells, Vibrationsplatten, Clubbells, Foam Roller, Suspension-Trainingssysteme etc.. Dieses Jahr sind es multifunktionelle Trainingsstationen für Functional Group Training…

 

Überhaupt ist Functional Training (neben Primal Movement) gerade der große Trend. Es vermittelt den Betreibenden den Hauch Athletenimage, den es braucht, um sich von der Masse der „Studioratten“ zu unterscheiden. Crossfit Boxen schießen wie Pilze aus dem Boden und in den kommerziellen Fitness Studios werden sogenannte Functional Areas installiert. Auch die Ausbildungseinrichtungen für Trainer passen sich dem Trend an und bieten Seminare und Ausbildungen zum Thema Functional bzw. Athletik Training an. Mit oftmals fragwürdiger Qualität.

Ich selbst (Marcel) habe auch vor einigen Jahren ein Seminar zum Thema Functional Training bei einem renommierten deutschen Anbieter besucht. Auch mit meinem damals noch deutlich geringeren Fachwissen hatte ich das Gefühl, am Ende des Seminars eigentlich nichts gelernt zu haben. Ein bisschen Foam Rolling, ein wenig über Bänke hopsen, nur um dann festzustellen, dass ich das ganz natürlich mit meinem eigenen Körper geschafft habe… Fazit: Geldverschwendung.

Functional Training ist ein Hype ohne Qualität. Betrachtet man, wie die Umsetzung des „funktionellen Trainings“ standardmäßig in der Praxis aussieht, so steht oftmals das Ziel „Viel hilft viel“ im Fokus. Trainer und Trainierende sind sich einig: Wenn man am Ende der Trainingseinheit keuchend auf dem Boden liegt, dann war das Training gut.

Grundsätzlich ist die Intention richtig, dass ein Training anstrengend sein muss um effektiv zu sein. Der Trend hin zu Training mit vollem Einsatz ist absolut zu begrüßen, aber ist ein Training auch automatisch effektiv, nur weil es anstrengend ist?

Im Zuge von Crossfit und Athletik Training sind Übungen wie Power Snatch oder Overhead Squat wieder in Mode gekommen und Bestandteil vieler Trainingsprogramme. Oftmals muss man aber feststellen, dass die Integration dieser Übungen in das Training eher dem coolen Image des Trainierenden als dem Fortschritt dienlich ist. Natürlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren, aber es sollte schon zu denken geben, wenn man in einer Crossfit Box als Anfänger direkt einen Snatch mit der Langhantel im Training umsetzen soll, man hingegen in einem Gewichthebeverein die ersten Wochen lediglich damit verbringt, die technische Ausführung mit einem Besenstil zu perfektionieren.

Was die meisten Programme vermissen lassen, ist der gezielte Ausgleich individueller Schwächen, das Beheben von Dysbalancen und das strategische Heranführen an bestimmte Übungen. Bevor man den Motor aufmotzt und den Tank vergrößert MUSS die Spur eingestellt werden!

Die Trainingsplanung ist oftmals nicht individualisiert genug, lässt die Schwächen des Einzelnen außer Acht. Ein nicht nachhaltiges System mit großem Potential für Verletzungen. Für viele ist es völlig normal, dass ab einem gewissen Punkt die Knie schmerzen, man ein Stechen im Rücken verspürt oder die Schulter bei bestimmten Bewegungen Schmerzen verursacht. Wie heißt es so schön: „Ein bisschen Schwund ist immer“ und „nur die Harten kommen in den Garten“. Also werden Warnsignale oftmals ignoriert, das Training im gleichen Stil weiter fortgesetzt – einfach die Zähne zusammenbeißen und durch!

Für die korrekte Ausführung einer jeden Übung ist die absolute Grundvoraussetzung ein entsprechendes Maß an Flexibilität. Diese lässt zu (oder eben nicht), dass man während des gesamten (!) Bewegungsumfanges die entsprechende Haltung beibehalten kann. Ist dies gewährleistet ist zunächst die Stabilität entscheidend. Bei ausreichender Stabilität kann an der Kraft gearbeitet werden. Erst mit einer gewissen Kraftbasis macht es überhaupt Sinn über Power-Training nachzudenken. Ist es also ratsam mit einem Power Snatch mit der Langhantel ins Training einzusteigen, oder doch lieber die ersten Wochen beim Techniktraining mit dem Besenstil zu verbringen und parallel an den Schwächen zu arbeiten?

Ohne einen gezielten Ausgleich von Dysbalancen, dem Fördern von Flexibilität und Stabilität sowie der gezielten Förderung bestimmter Kraftverhältnisse (Structural Balance) ist ein Training nicht nachhaltig und somit auch nicht funktionell. Wer seinen Körper nicht gezielt und strategisch aufbaut, der wird früher oder später irgendeine Form von Wehwehchen oder Verletzung erleiden. Da ist es irgendwie ironisch, dass dann das „Functional Training“ die Funktionalität des Körpers einschränkt oder gar lahmlegt.

Grundsätzlich gilt das natürlich für jegliche Form des Trainings, nicht nur für „Functional Training“, Cross Fit, Freeletics, Bootcamps oder ähnliche Trainingsformen – es muss immer intelligent geplant, vernünftig umgesetzt und dosiert werden. Auf der Jagd nach schnellen Fortschritten und Ergebnissen wird zu oft auf der Überholspur gestartet. Wer gerade den Führerschein gemacht hat fährt auch nicht direkt in der Formel 1.

In diesem Sinne: Bringt Einsatz, aber hinterfragt euer Training! Funktionell ist Training immer nur dann, wenn es nachhaltigen Erfolg bringt und den Körper in seiner Funktionalität und Leistungsfähigkeit dauerhaft erhält oder aufbaut. Sich im Training zu vernichten ist nicht funktionell.

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